Rezeptionsorientierte Edition der Kirchenjahrespredigten Johannes Taulers

Das Gemeinschaftsprojekt der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel wird gefördert durch die DFG (WE 4364/6-1; LE 1173/8-1; STA 1032/5-1). Beginn: 01.02.2018

Beteiligte Wissenschaftler

Professor Dr. Volker Leppin
Eberhard Karls Universität Tübingen
Evangelisch-Theologische Fakultät
Institut für Spätmittelalter und Reformation

Torsten Schaßan
Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
Abteilung Handschriften und Sondersammlungen
Digitale Editionen

Professor Dr. Rudolf Kilian Weigand
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Fachgebiet Germanistik
Forschungsstelle für geistliche Literatur des Mittelalters

Die Predigten Johannes Taulers müssen zur Zeit noch immer nach der alten Ausgabe von Ferdinand Vetter (Die Predigten Taulers, aus der Engelberger und der Freiburger Handschrift sowie aus Schmidts Abschriften der ehemaligen Straßburger Handschriften, Berlin 1910 [DTM 11]) zitiert werden. Diese längst obsolete Edition soll durch eine neu konzipierte rezeptionsorientierte Ausgabe ersetzt werden, die in Kooperation mit Prof. Dr. Rudolf Kilian Weigand (Katholische Universität Eichstätt) und der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel (Torsten Schaßan) erarbeitet wird.

Ziele

Vorrangiges Ziel des Projekts ist es, zu einem Neuverständnis der Wirkungsgeschichte der Predigten Johannes Taulers beizutragen, deren Bedeutung für die Theologie des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit noch immer weit unterschätzt wird.

Hierzu wird eine umfassend kommentierte rezeptionsorientierte Edition der im ersten Teil des Basler Taulerdrucks (1521/22) überlieferten Kirchenjahrespredigten erarbeitet. Eine Edition dieser Predigten ist wegen ihrer herausragenden rezeptionsgeschichtlichen Bedeutung ein besonders dringliches Forschungsdesiderat, da sie anders als die Heiligenpredigten Taulers von beiden großen Konfessionen der Neuzeit intensiv rezipiert wurden. Somit wird ein Quellenbestand erschlossen, der für die Erforschung der Predigten Taulers und ihrer Rezeption zentrale Bedeutung besitztund die Grundlage bereitstellt für künftige germanistische, historische und theologische Untersuchungen sowie für die Arbeit angrenzender Disziplinen.

Eine neue, wissenschaftlich breit nutzbare Edition der Kirchenjahrespredigten Taulers liegt im Interesse nicht nur der mediävistischen, sondern auch der frühneuzeitlichen Forschung. Mithin gilt das wissenschaftliche Interesse sowohl dem Tauler der Handschriftenüberlieferung als auch dem Tauler der frühen gedruckten Ausgaben. Angesichts der großen Varianz zwischen der Textform der frühen Handschriften und derjenigen Textform, die in den Druck eingegangenen ist, soll einerseits der Text der frühen Handschriften und andererseits der Text der frühen Drucküberlieferung dargestellt werden. Vor dem Hintergrund der Notwendigkeit materialer Begrenzung konzentriert sich die geplante Edition auf die Handschriften des 14. Jahrhunderts sowie die drei frühesten Taulerdrucke (Leipzig 1498, Augsburg 1508, Basel 1521/22).

Vorgehen

Für die Predigtabfolge der digitalen wie der Printedition orientiert sich das Projekt an der liturgischen Ordnung des Kirchenjahres, wie sie im Basler Druck vorliegt. Bei der Präsentation des Textes der Predigten verzichtet das Editionsprojekt auf den Versuch, einen „Autor-Text“ zu rekonstruieren, sondern orientiert sich konsequent jeweils an der Textform, die in den genannten Rezeptionsstufen vorliegt. Um dem „unfesten, beweglichen“ Charakter mittelalterlicher volkssprachlicher Texte gerecht zu werden und die Variationen in der Textüberlieferung sichtbar zu machen, soll der Text der Predigten so weit als möglich synoptisch dargestellt werden. Dazu tritt neben den wirkungsmächtigen Drucktext ein Handschriftentext, der eine möglichst frühe Sammlungsform repräsentiert. Für den frühen Handschriftentext wird aufgrund der Überlieferungssituation von verschiedenen Handschriften auszugehen sein, weswegen auch schreibsprachliche Uneinheitlichkeit in Kauf genommen werden muss.

Die zunächst erarbeitete digitale Edition nimmt den Paradigmenwechsel auf, der zur Zeit bei zahlreichen historischen und geisteswissenschaftlichen Quelleneditionsprojekten zu verzeichnen ist: Generische Perspektiven (z.B. Auszeichnungssprache, Schnittstellen, Verwendung von Normdaten) gewinnen bei der elektronischen Erfassung von Forschungsprimärquellen an Bedeutung. Eine digitale Quellenedition mit historisch-kritischer Einleitung sowie textkritischen und sachlichen Apparaten und Indizes bildet die gemeinsame technische Grundlage sowohl für die netzbasierte als auch nachfolgend für die gedruckte Veröffentlichungsform. So können vorläufige oder Zwischenergebnisse bereits im Editionsprozess online veröffentlicht werden. Auf diese Weise hat die Fachöffentlichkeit die Möglichkeit, durch Kritik und Anregungen das Editionsvorhaben zu begleiten bzw. an ihm zu partizipieren. Vor allem können Teilergebnisse wesentlich schneller von Dritten für eigene wissenschaftlicheUntersuchungen genutztwerden.

Die Textbände der Printedition enthalten den Druck- und den frühen Handschriftentext in synoptischer Gegenüberstellung. Ergänzende Kommentarbände bieten eine Gesamteinleitung, die die Editionsprinzipien darlegt und die Textzeugen eingehend beschreibt, sowie historisch-kritische Einleitungen zu den jeweiligen Predigten. Hier finden sich Angaben zu Überlieferung und Autordiskussion sowie dieDiskussion der Datierung, bei der die Situierung im Kirchenjahr ebenso berücksichtigt wird wie – soweit möglich – benennbare Phasen in der Biographie Taulers. Des Weiteren finden sich in den Kommentarbänden Übersetzungen der Predigten des Basler Taulerdrucks sowie ein zeilenbezogener fortlaufender Kommentar. Dieser enthält Erklärungen zu Wörtern, Personen, Orten und Sachen und gibt Bibel-, Autoritäten- und weitere Quellennachweise. Darüber hinaus zeigt er die Varianzen der unterschiedlichen Textfassungen auf und ordnet die theologischen Inhalte der einzelnen Predigten in das Oeuvre die Frömmigkeitsliteratur des frühen 14. Jahrhunderts ein.

Die digitale Edition wird von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel im Open Access sukzessive online publiziert. Die Taulerpredigten werden mithilfe des <oXygen>-Editors in XML nach den Regeln der TEI kodiert.