Lebenslauf von Rabbiner Dr. Leopold Lucas (1872 - 1943)

Dr. Leopold LucasLeopold Lucas wurde am 17. September 1872, in Marburg an der Lahn geboren. Seine Eltern, Bernhard und Bertha Lucas, gehörten einer angesehenen Familie in Marburg an, deren Mitglieder daselbst seit Jahrhunderten als "Schutzjuden" ansässig gewesen sind. Der Urgroßvater Loeb Aron Lucas (geb. 29.9.1779) wurde im Jahre 1808 zum Municipalrat in Marburg ernannt. Der andere Urgroßvater Wolf Hellwitz war Landesvorsteher der Israeliten in Westfalen. Zu der Familie gehören etliche bedeutende Persönlichkeiten, darunter der Dichter Heinrich Heine, der in seinem Gedicht "Deutschland ein Wintermärchen" die "Stammburg" in Bückeburg erwähnt: "Zu Bueckeburg stieg ich ab in der Stadt, Um dort zu betrachten die Stammburg, Wo mein Großvater geboren ward, Die Großmutter war aus Hamburg.". Zu erwähnen sind weiter die berühmten Physiker Heinrich und Gustav Hertz und vor allem Dr. Salomon Ludwig Steinheim (1789-1866), Religionsphilosoph, Arzt und Vorkämpfer der Emanzipation - als der wohl bedeutendste jüdische Religionsphilosoph des 19. Jahrhunderts bezeichnet - der sein Großonkel war.



Nachdem Leopold Lucas in Marburg das humanistische Gymnasium besucht und 1892. dort das Abitur abgelegt hatte, studierte er an der Universität in Berlin und gleichzeitig an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums orientalische Sprachen, Geschichte, Philosophie und Wissenschaften des Judentums. Am 19. Dezember 1895 wurde er von der philosophischen Fakultät der Universität Tübingen auf Grund einer bei dem Historiker Bernhard von Kugler angefertigten Dissertation zum Dr. phil promoviert. Diese Dissertation behandelt die "Geschichte der Stadt Tyrus zur Zeit der Kreuzzüge". Der Christologie und der Geschichte des Mittelalters blieb seither sein lebenslanges Interesse und Studium gewidmet.



Vier Jahre später, 1899, erhielt Lucas als Nachfolger von Dr. Benjamin Rippner den Ruf zum Amt des Rabbiners in der traditionsreichen jüdischen Gemeinde Glogau, die um 1900 noch 716 Mitglieder zählte. Im Jahre 1904 heiratete Dr. Lucas die aus Breslau gebürtige Dora geborene Janower. Aus der Ehe entstammen zwei Söhne. In Glogau wirkte Dr. Leopold Lucas mit großer Hingabe bis zu seiner Berufung nach Berlin als Rabbiner, Seelsorger und Gelehrter. Seine tiefgründigen Predigten machten ihn zu einem der bekanntesten jüdischen Kanzelredner in Deutschland. Seine regelmäßigen Vorlesungen in der Volkshochschule in Glogau über diverse Themata fanden reichen Zuspruch seitens Angehöriger der verschiedenen Religionen und Konfessionen. Lucas wurde Präsident der Salomon-Munk-Loge und Mitglied des Großrates der B'nai B'rith Logen für Deutschland. Leo Baeck, der damalige Vorsitzende des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland dankte ihm 1924 in einem persönlichen Schreiben anlässlich seines 25-jährigen Rabbinerjubiläums für seine treuen Dienste und betonte dabei besonders auch seine wissenschaftlichen Leistungen: "Ueber den Kreis Ihrer Gemeinde hinaus hat Ihre Arbeit sich erstreckt. Ihre wissenschaftliche Arbeit und das weittragende Verdienst, das Sie durch die Gründung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums erworben haben, gibt Ihnen Ihren Platz im deutschen Judentum."

 

Das Dr. Lucas sein ganzes Leben hindurch begleitende Streben, die wissenschaftliche Erforschung des Judentums zu fördern, fand ihren Niederschlag in der Gründung der "Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums", 1902, die auf seine Anregung und Initiative zurückging und deren erster Schriftführer er wurde, während sein Freund, der Historiker Professor Martin Philippson (1846-1916), den ersten Vorsitz übernahm. Binnen kurzem machten Philippson und Lucas die Gesellschaft zum führenden Institut für die jüdische Wissenschaft in Deutschland. Das Ziel der neugegründeten Gesellschaft umriss Lucas in einem Ende 1905 in Berlin gehaltenen Vortrag "Die Wissenschaft des Judentums und die Wege zu ihrer Förderung" (Berlin 1906). Als Organ wurde die schon seit 1851 bestehende Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums übernommen, ihre höchste Mitgliederzahl von 1742, erreichte die Gesellschaft im Jahre 1920. Der erste von der Gesellschaft betreute Band war Leo Baeck's klassisches Werk "Das Wesen des Judentums", es folgen nicht minder berühmte Arbeiten wie I. Elbogen "Der Jüdische Gottesdienst", 1931, und H. Cohen "Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums", weiter die nicht abgeschlossenen Reihen des Corpus Tannaiticum, Germania Judaica und das große Unterfangen einer Enzyklopädie von 36 Bänden "Grundriss der Gesamten Wissenschaft des Judentums". 1927, zum 25Jährigen Jubiläum, erschien aus der Feder von Dr. Lucas in der Monatsschrift zur Geschichte und Wissenschaft des Judentums 71 (1927) ein Überblick über die Arbeit und Leistungen der Gesellschaft. 1938 wurde sie ein Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

 

Unter den wissenschaftlichen Arbeiten, die Dr. Lucas selbst verfaßte, sind zu nennen: "Innocent III et les Juifs"., Revue des Etudes Juives, 35 (1897) 247-255, sein Buch "Zur Geschichte der Juden im 4. Jahrhundert", Berlin 1910, wo besonders das Kapitel über die Kirchenväter und die Juden im 4. Jahrhundert Beachtung fand. Das Werk ist bis heute nicht überholt und ein Markstein für die Erforschung des spannungsvollen Verhältnisses zwischen Judentum und Christentum in der nachkonstantinischen Zeit. Das abgewogene sachliche Urteil des Verfassers verleiht der Studie ihren bleibenden Wert. Aus der Themenwahl zeigt sich, daß ihm vor allem die Geschichte der wechselvollen jüdisch-christlichen Beziehungen am Herzen lag. 1920 erschien von ihm ein religionsgeschichtlicher Band: "Mitteilungen auf Grund neuer Forschungen über die Religionen". Aus dem Nachlaß seines Großonkels Dr. Salomon Ludwig Steinheim veröffentlichte er ein Manuskript: "Moses und Michelangelo". Auf Grund seiner wissenschaftlichen Verdienste wurde er 1911 Mitglied der "Byzanteological Society" in Athen. Seit jeher mit Leo Baeck verbunden, wurde Dr. Lucas als Nachfolger von Prof. Eugen Täubler zu Beginn des Jahres 1941 von Baeck an die Lehranstalt (Hochschule) für die Wissenschaft des Judentums nach Berlin, als Dozent für biblische Literatur und Geschichte (besonders Geschichte des frühen Mittelalters) berufen. Der damals fast 70-jährige nahm die neue Aufgabe an. Einer seiner Schüler, den er noch im Mai 1942 prüfte, schreibt von ihm: "Ich habe ihn als einen sehr gütigen und freundlichen Menschen in Erinnerung, der plötzlich ein sicher nicht leichtes Lehrpensum übernehmen mußte." Von einem anderen Studenten aus jener Zeit hören wir: "Wir hatten bei ihm Geschichtsunterricht, und ich erinnere mich an einen gütigen, äußerst sorgfältigen und kompetenten Wissenschaftler."