Projekt von Tobias Binkert

»Gemeinsame Bildungsideale und konfessionelle Unterschiede-
Kulturerfahrung und Lebenswelten süddeutscher Reichsgrafensöhne im Zeichen des Späthumanismus«

In meinem Dissertationsprojekt sollen erstmals die Spezifika und Gemeinsamkeiten von individuellen Studienverläufen und familiären Bildungsstrategien sowie von gruppenspezifischen Bildungsidealen und karriereorientierten Erwartungshaltungen in komparatistischer Methode am Beispiel von hochadligen Grafen- und Herrenfamilien untersucht werden. Die Adligen bewegten sich in einem Spannungsfeld aus humanistischen, höfischen und konfessionellen Ausbildungszielen. Um standesspezifische Gemeinsamkeiten, aber auch familiäre und konfessionelle Eigenheiten untersuchen zu können, werden für die Untersuchung je eine Familie der drei konfessionellen Lager herangezogen. Die familiären Bildungsideale können anhand von Instruktionen an Präzeptoren und Hofmeister prägnant deutlich gemacht werden. Sie zeigten sich aber auch in den spezifischen Unterrichtsinhalten der Kinder und schlugen sich noch in den Beständen der Familienbibliotheken nieder. Der Transfer von Wissen, etwa inwiefern sich die Bildung der Grafen in eigenen Schulgründungen oder in der Einführung neuer Technologien widerspiegelte, wird verdeutlicht.

 

Neben dieser Untersuchung von Kulturerfahrung wird in einem zweiten Schwerpunkt auf die Lebenswelten der Grafen eingegangen. Hierbei sollen die sozialen Netzwerke der Grafensöhne, welche sie zu anderen Adligen knüpften betrachtet werden. Ebenfalls wird die Wechselwirkung zwischen gelehrtem Milieu und Adel eine wichtige Rolle spielen. Die Arbeit liefert einen Beitrag zur Präzisierung der Kenntnisse vom Übergang von späthumanistischen zu barocken Bildungsinhalten. Die Tätigkeit und der Werdegang von Präzeptoren und Hofmeistern wird beleuchtet und die Auswirkungen der Ausbildung auf den Karrierebeginn von jungen Grafen untersucht. Die Lebenswelt, Krankheiten, politische und gesellschaftliche Ereignisse prägten dabei ebenfalls den weiteren Lebensweg mit und müssen beachtet werden.  Wertschätzung von Bildung in Herren- und Grafenfamilien wird auch monetär bemessen. Formen des Bildungserwerbs, Modifikation des Bildungsideals zwischen Rittertradition, Humanismus und frühem Barock sowie konfessionelle und familienspezifische Besonderheiten des Bildungsgangs stehen somit im Zentrum der Untersuchung.