Felix Roleder

Kirche in Netzwerken. Eine Kirchentheorie der Relationalität

 

Sozialbeziehungen und Sozialkontakte zwischen religiösen Akteuren sind für Religion und Kirche von entscheidender Bedeutung. Denn religiöse Praxis wie religiöse Gespräche, religiöse Sozialisation und soziale Unterstützung finden in Sozialbeziehungen statt. So ereignet sich die Kommunikation des Evangeliums nicht nur in zentralisierter gottesdienstlicher Form, sondern auch in vielfältigen alltäglichen Interaktionen, an denen Christinnen und Christen beteiligt sind. Durch Sozialkontakte rekrutiert auch die Kirche als Organisation Mitglieder, Teilnehmer und ehrenamtliche Mitarbeiter. Zudem basiert soziale Integration im gemeindlichen Leben von Kirchengemeinden auf Sozialkontakten.

 

Eine Mehrzahl von Sozialbeziehungen und Sozialkontakten zwischen Individuen kann als ein soziales Netzwerk beschrieben werden. Soziale Netzwerke sind bedeutende, soziale Meso-Strukturen mit folgenreichen Eigendynamiken. Die Dissertation entwickelt eine praktisch-theologische Beschreibung von Kirche, in deren Zentrum soziale Netzwerke, ihre Entstehung sowie ihre Bedeutung für Kirche stehen. Die Untersuchungsperspektive, die einen gänzlich neuartigen Zugang in der Fachdisziplin der Kirchentheorie darstellt, verspricht eine wesentliche Weiterentwicklung des Wissensstandes in der Praktischen Theologie. Denn zum einen eröffnet die Netzwerkperspektive auf Kirche ein vertieftes Verständnis für die bestehenden Kirchenbilder: Kirche als Gruppe und Kirche als Organisation. Zum anderen führt der Untersuchungsfokus auf soziale Netzwerke zu einer Erweiterung und Verschiebung des Verständnisses davon, was und wo Kirche ist. Außerhalb von Gemeindehäusern und Kirchenmauern besteht Kirche in religiösen sozialen Netzwerken, die als dezentrale, differenzierte und fluide Strukturen mit offenen Rändern charakterisiert sind. In der gesellschaftlichen Situation von Individualisierung, Flexibilität und Digitalisierung erstscheint das Netzwerkkonzept als geeignetes heuristisches Prinzip, um gegenwärtige Sozialität zu erforschen.

 

Die praktisch-theologische Untersuchung der Dissertation wird mit der soziologischen Netzwerkforschung als Referenzwissenschaft entwickelt (international: Social Network Analysis). Unter Berücksichtigung von Theorie und Methodik der soziologischen Fachdisziplin kommen einschlägige Netzwerkphänomene im Bereich der Kirche in interdisziplinärer Perspektive in den Blick. Das Dissertationsprojekt gehört zum Forschungsverbund ‚Kirche und Netzwerke‘ am Lehrstuhl von Professorin Birgit Weyel. So fließen in die Argumentation der Dissertation die empirischen Ergebnisse der aktuellen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein, in deren Rahmen die umfangreichste Gesamtnetzwerkerhebung Deutschlands durchgeführt wurde. Außerdem sucht die Dissertation insbesondere den Dialog mit der internationalen, empirischen Netzwerkforschung, weil diese im Bereich von Kirche, Religion und Netzwerken am weitesten entwickelt ist.